Das Programm im Überblick
Konferenzsaal 1 der Regionalverwaltung, Svoboda-Platz
14. Oktober 2025, Dienstag
15:30 Uhr Sebastian Schäffer: “Zwischen den Zeiten – Vom Exil der Vergangenheit zur Zuflucht in der Zukunft”
16:00 Uhr Kristian Wachinger: Die Zürcher Ausgabe von Elias Canetti (per ZOOM)
16:30 Uhr Prof. Dr. Penka Angelova: Canettis Konzept von der Geschichte oder Es wird also Jedes dann wiederkehren, wenn es am Sinnlosesten ist
17:00-17:30 Uhr Kaffeepause
17:30 Uhr Doz. Dr. Dilek Altinkaya: Die Rezeption von Elias Canetti innerhalb des türkischen Sprachraumes
18:00 Uhr Rosica Nikolova: Präsentation – Elias Canetti in der Canetti-Schule
18:30 Uhr Filmvorführung: Elias Canetti Die Wiener Jahre
Beiträge und Informationen zu den Beitragenden
Sebastian Schäffer
Direktor des IDM (Institut für den Donauraum und Mitteleuropa)
Generalsekretär der Donaurektorenkonferenz, Vorstandsmitglied der IECG,
Expertise: Europäische Nachbarschaftspolitik, EU-Russland Beziehungen,
Östliche Partnerschaft, Europäische Integration, EU-Erweiterung, Reform der
EU-Institutionen, Zukunftsszenarien
Zwischen den Zeiten –
Vom Exil der Vergangenheit zur Zuflucht in der Zukunft
Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde,
es ist mir eine große Freude, heute hier in Ruse sprechen zu dürfen. Der Ort selbst – an
der Donau gelegen – ist ein passender Ausgangspunkt für die Überlegungen, die ich mit
Ihnen teilen möchte. Denn die Donau ist mehr als ein Fluss: Sie ist ein Symbol für
Verbindung, für Grenzen und deren Überwindung, für die Vielschichtigkeit Europas und
für den Weg zueinander, der nicht immer gerade verläuft.
Zwischen den Zeiten
Der Titel meines Vortrags lautet „Zwischen den Zeiten“. Damit meine ich den Moment, in
dem wir uns heute in Europa befinden: Wir stehen nicht mehr in der Euphorie nach dem
Ende des Kalten Krieges, als die Europäische Union als Garant für Frieden und
Wohlstand erschien. Aber wir sind auch noch nicht in einem Europa angekommen, das
seiner geopolitischen Verantwortung voll gerecht wird. Wir leben in einer Zwischenzeit.
Eine Zeit, in der alte Gewissheiten erodieren, neue Herausforderungen auf uns
zukommen – und wir dennoch die Möglichkeit haben, Zukunft zu gestalten.
Erinnerung und Exil
Um diese Gegenwart zu verstehen, müssen wir zurückschauen. Stefan Zweig hat in
seiner Autobiografie „Die Welt von gestern“ ein berührendes Zeugnis der untergehenden
liberalen Welt des frühen 20. Jahrhunderts hinterlassen. Zweig war im Exil – und er
wusste, dass man die Vergangenheit nicht festhalten kann, wenn die Zukunft zerstört
wird. Auch Elias Canetti, dessen Familie aus Ruse stammt, erlebte Exil und
Heimatlosigkeit. Er warnte vor der zerstörerischen Macht der Masse, die das Individuum
verschlingt und Vielfalt unterdrückt. Beide erinnern uns daran, wie fragil Freiheit und
kulturelle Offenheit sind.
Nostalgie und die Versuchung der Vergangenheit
Der bulgarische Autor Georgi Gospodinov hat in seinem Roman „Zeitzuflucht“ eine
beklemmende Idee entwickelt: Was passiert, wenn Gesellschaften sich in die
Vergangenheit flüchten, weil die Zukunft zu ungewiss ist? Er beschreibt, wie ganze
Länder beschließen, in einem früheren Jahrzehnt zu leben – aus Nostalgie, aber auch
aus Angst. Diese Versuchung kennen wir auch heute: Nationalistische Bewegungen,
Desinformation und die Sehnsucht nach vermeintlich „einfacheren Zeiten“ zeigen, wie
stark die Vergangenheit politisch instrumentalisiert werden kann.
Europa in der Zwischenzeit
Europa darf dieser Versuchung nicht erliegen. Die Europäische Union ist ein Projekt, das
aus der Vergangenheit gelernt hat – aus Krieg, Diktatur und Teilung. Doch ihr Auftrag
reicht weiter: Sie muss Zuflucht in der Zukunft bieten. „Vom Exil der Vergangenheit zur
Zuflucht in der Zukunft“ bedeutet daher zweierlei: Wir erinnern uns, woher wir kommen –
nicht als nostalgisches Festhalten, sondern als kritisches Lernen. Und wir gestalten,
wohin wir gehen – als bewusste politische Entscheidung für Integration, Solidarität und
Demokratie.
Erweiterung als Verantwortung
Gerade deshalb ist die Erweiterung der EU keine technische Frage allein. Es geht nicht
nur um Kapitel in Beitrittsverhandlungen, sondern um das europäische Versprechen,
dass auch die Ukraine, Moldau oder die Staaten des westlichen Balkans Teil dieser
Gemeinschaft werden können. Dies ist eine Frage historischer Gerechtigkeit, aber auch
unserer eigenen Sicherheit. Wenn wir die „Rückkehr der Geschichte“ ernst nehmen,
müssen wir begreifen, dass die Zukunft Europas nicht an seinen aktuellen Grenzen
endet.
Integration neu denken
Gerade im Kontext der Erweiterung ist es wichtig, Integration neu zu denken. Zu lange
wurde der Prozess fast ausschließlich technokratisch betrachtet – als Erfüllung von
Kapiteln, Benchmarks und Rechtsangleichung. All das ist notwendig, doch es reicht
nicht. Erweiterung ist kein rein administrativer Vorgang, sondern ein politisches Projekt,
das Herz, Verstand, aber auch Willen, Entschlossenheit und Tatkraft gleichermaßen
fordert.
Ökonomie des Beitritts
Oft wird die Debatte über Beitritte auf ökonomische Interessen reduziert: auf Märkte,
Investitionen oder Finanzierungsfragen. Doch die eigentliche Kraft der Erweiterung liegt
in etwas anderem – in der Stärkung von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Teilhabe.
Jedes neue Mitglied bringt die Erfahrung mit, dass Demokratie nicht selbstverständlich
ist, sondern erkämpft werden muss. Diese Energie brauchen wir in der Europäischen
Union selbst, die manchmal Gefahr läuft, ihre eigenen Werte als gegeben hinzunehmen.
Zukünftige unbequeme Fragen
Es ist absehbar, dass Länder wie die Ukraine, Moldau oder auch die Staaten des
westlichen Balkans bereit sein werden, den acquis communautaire zu erfüllen. Aber die
entscheidende Frage richtet sich an uns selbst: Sind wir bereit, sie aufzunehmen? Sind
unsere Gesellschaften bereit, Vielfalt nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung zu
begreifen? Wenn die Antwort darauf Nein lautet, dann stellt sich die unbequeme
Folgefrage: Was bedeutet das für das europäische Projekt insgesamt?
Chancen statt Risiken
Die Integration neuer Mitglieder verlangt daher eine doppelte Bewegung: Die
Beitrittsländer müssen ihre Reformen fortsetzen, aber die Union muss zugleich ihre
eigene Fähigkeit zur Aufnahme stärken – politisch, institutionell, finanziell und nicht
zuletzt mental. Erweiterung ist keine Einbahnstraße, sondern ein gemeinsamer Weg.
Wenn wir Integration so verstehen, dann kann aus der Erweiterung kein Risiko, sondern
nur eine Chance erwachsen.
Europas Versprechen
Zwischen den Zeiten zu stehen, bedeutet nicht, orientierungslos zu sein. Es bedeutet,
bewusst zu entscheiden, in welche Richtung wir gehen wollen. Die Stimmen von Zweig,
Canetti und Gospodinov sind keine nostalgischen Klagelieder. Sie sind Mahnungen:
dass Freiheit nicht selbstverständlich ist, dass Demokratie täglich verteidigt werden
muss, dass die Zukunft nicht auf uns wartet, sondern gestaltet werden will. Europa ist
mehr als ein geografischer Raum. Es ist ein politisches Versprechen: Ein Versprechen
auf Freiheit, auf Würde, auf ein gemeinsames Morgen. Wenn wir von der Welt von
gestern sprechen, dürfen wir sie nicht verklären. Wir müssen sie verstehen, um eine Welt
von morgen zu gestalten, die unseren Kindern und Enkeln Zuflucht und Hoffnung bietet.
Vom Exil der Vergangenheit zur Zuflucht in der Zukunft – das ist der Auftrag, der vor uns
liegt.
Vielen Dank.
Kristian Wachinger
Mitglied des Stiftungsrats der Canetti Stiftung
für die editorische Aufarbeitung von Werk und literarischem
Nachlass des Nobelpreisträgers Elias Canetti (1905-1994)
Kleine zusammenfassende Vorstellung der Zürcher Ausgabe
sämtlicher Werke von Elias Canetti
Elias Canetti starb 89jährig am 14. August 1994, also vor 31 Jahren.
Seinen Nachlass hat er im Jahr vor seinem Tod der Zürcher
Zentralbibliothek gegeben, unter Auflage verschiedener Sperrfristen –
eine allgemeine Frist von 8 Jahren, und für Briefe und Tagebücher
eine Frist von 30 Jahren – die insbesondere der Rücksichtnahme auf
lebende Personen galten.
Canetti hat also keine Vernichtung angeordnet. Und er hat keinen
Nachlassverwalter bestimmt. Die gesetzten Fristen sind zugleich als
Aufforderung zu verstehen, man möge sich zu gegebener Zeit mit dem
Material auseinandersetzen. Es obliegt der Erbin Johanna Canetti,
verantwortungsbewusst mit dem Nachlass umzugehen.
Mit dem dreißigsten Todestag ist die letzte von ihm verfügte Sperrfrist
verstrichen: Sein Nachlass kann seit August 2024 nach dem Ermessen
von Johanna Canetti der Forschung zur Verfügung gestellt und
publiziert werden.
Die nachgelassenen Papiere des Chronisten, des Erzählers und
Dramatikers, des viel gelesenen und zitierten Jahrhundert-
Intellektuellen bergen wertvolle Schätze.
Zwischen 2000 und 2017 hat Johanna Canetti, die Tochter des
Schriftstellers, die vollständige Transkription des handschriftlichen –
zu großen Teilen stenografischen – Nachlasses erarbeitet und
finanziert. Erste Publikationen daraus waren die Fragmente zur
Lebensgeschichte der englischen Jahre, die stilistisch an die drei
autobiografischen Bücher anschließen und 2003 unter dem Titel Party
im Blitz erschienen, als postume Veröffentlichung also. Ich war damals
Lektor im Hanser Verlag, was mich mit dem Gegenstand und dessen
Fragestellungen in Berührung brachte. Nach einzelnen
Veröffentlichungen aus dem Nachlass des jüngsten Bruders (Briefe an
Georges, 2006) und der langjährigen Freundin Marie-Louise von
Motesiczky (Aufzeichnungen für Marie-Louise, 2005, und der
Briefwechsel Liebhaber ohne Adresse, 2011) konnte 2014 mit dem
Buch gegen den Tod ein großer Themenkomplex aus dem Nachlass
zugänglich gemacht werden, das von ihm beabsichtigte, aber nie
fertiggestellte Dokument seiner Todfeindschaft. Dieses Buchprojekt
war von Canetti wie ein Gegenstück zu Masse und Macht gedacht,
und es ist von immanenter Logik, dass er trotz vieler guter Vorsätze
und Anläufe nicht zu einem Ergebnis gekommen ist. Da das Material
aber so reichhaltig ist, haben wir uns entschieden, die Verantwortung
einer postumen Zusammenstellung auf drei sehr unterschiedliche
Köpfe zu verteilen: der dieses Jahr leider verstorbene Peter von Matt
als der am längsten mit Canetti bekannt gewesene Germanist, Sven
Hanuschek als Canettis Biograf, und ich als dem Verlagsschreibtisch
entwachsener Praktiker haben getrennt voneinander Vorschläge
erarbeitet und eine Synthese daraus veröffentlicht, zwanzig Jahre nach
Canettis eigenem Tod.
2016 rief Johanna Canetti eine Runde von Fachleuten zusammen, die
diskutierten, welche archivarischen und editorischen Aspekte sich aus
dem nun allmählich überschaubar werdenden Material und dem
herannahenden Ende der zweiten Sperrfrist ergeben und wie daraus
neue Impulse für die Öffentlichkeitswirkung Canettis gewonnen
werden können.
Die gemeinsamen Überlegungen galten zunächst einer sinnvollen
Verknüpfung der Werke und des Nachlasses mit hunderten von Seiten
substanzieller Paralipomena zu den gedruckten Werken, die
größtenteils nur aus persönlichen Rücksichten entfallen waren, aber
auch zahllosen Dokumenten zur Entstehung der Werke selbst. Die Zeit
war gekommen für eine kritische Gesamtausgabe. Der Anregung des
Germanisten Peter von Matt folgend hat Johanna Canetti 2017 in
Zürich die gemeinnützige Canetti Stiftung ins Leben gerufen, die mit
später hinzugewonnener Unterstützung der Mainzer Akademie der
Wissenschaften und der Künste die Erarbeitung der Zürcher Ausgabe
sicherstellt: als kritische Gesamtausgabe unter besonderer
Berücksichtigung der nachgelassenen Papiere. Canettis Bekenntnis
zum Dialogischen und seine rücksichtsvolle Weichenstellung für den
Umgang mit dem Nachlass ermöglichen es, ihn mit zeitlichem
Abstand in seinen verschiedenen, auch widersprüchlichen Facetten zu
lesen.
*
Jedes Werk erscheint in der Zürcher Ausgabe als ein eigener Band; der
Umfang der einzelnen Bände variiert zwischen 200 und 1000 Seiten.
Der Anhang eines jeden Bandes enthält Paralipomena (Vorstufen, in
Erstausgaben weggelassene Kapitel, ausgewählte Varianten),
Dokumente zur Entstehung und Rezeption (Aufzeichnungen,
Tagebücher und Briefe), einen Anmerkungsteil, ein Nachwort und ggf.
ein Register.
Im Sommer 2025 sind erschienen
Band 4 Der Ohrenzeuge
Fünfzig Charaktere
Herausgegeben von Heide Helwig
Band 5 Die gerettete Zunge
Geschichte einer Jugend
Herausgegeben von Sven Hanuschek und Kristian Wachinger
2026 erscheinen
Band 2 Theaterstücke
Hochzeit / Komödie der Eitelkeit / Die Befristeten / Die Affenoper /
Dramaturgische Schriften
Herausgegeben von Christiane Dahms
Band 6 Die Fackel im Ohr
Lebensgeschichte 1921–1931
Herausgegeben von Bernhard Fetz und Isabel Langkabel
Die Ausgabe ist auf 12–14 Bände geplant. Das bleibt noch offen, denn
nicht alles Nachlass-Material ist (in den jeweiligen Anhängen)
einzelnen Werken zuzuordnen, und wir rechnen damit, dass eigene
thematische Sammlungen wünschenswert werden, wie etwa der
bereits fest eingeplante zweite Band von Masse und Macht.
Ruse, 14. Oktober 2025 Kristian Wachinger











