25. September – 5. Oktober 2013
Am 28. September 1987 versammelten sich im Zentrum von Ruse 5.000-6.000 Menschen vor dem Parteihaus und protestierten gegen die gravierende Verschmutzung durch Chlorgase, die von der rumänischen Chemiefabrik „Verachim“ in Giurgiu ausgestoßen wurden. Unterschiedliche Menschen sind damals auf die Straße gegangen – einfache Bürger, Regimekritiker, aber auch Menschen, die eigentlich Träger des Regimes waren.
Die Veranstaltungsreihe „Plätze und Proteste“, mit der das dreiteilige Projekt „Auf die Plätze“ abgeschlossen wird, bringt dieses Stück lokaler und nationaler Geschichte in Erinnerung und stellt es in den Kontext aktueller und allgemeiner Fragen. Können uns die Ereignisse vom September 1987 heute noch etwas sagen? Zeichnen sich neue Formen des Protests ab? Und wie entsteht Öffentlichkeit, wie eine kritische Gegenöffentlichkeit? Die Kunstprojekte, Vorträge und Diskussionen dieser Woche gehen solchen und ähnlichen Fragen nach und versuchen, einen Bogen zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart zu spannen.
25.09
Grußwort von Veselina Antonova
17:00 Canetti Haus
Veselina Antonova ist wissenschaftliche Leiterin des Staatsarchivs Ruse und war maßgeblich an den Arbeiten zu dem Dokumentarfilm „Sechs Frauen“ über die Organisatorinnen der Proteste vom Herbst 1987 beteiligt.

- Foto: Staatsarchiv Ruse
Gegenöffentlichkeit – Vortrag von Tsveta Nenova und Dimitar Lipovanski
17:15 Canetti Haus
In den staatlichen Medien waren die Proteste im Herbst 1987 nicht präsent, die Berichterstattung darüber war verboten. Dennoch bildete sich eine lebendige und kritische Gegenöffentlichkeit. Wie es dazu kam und welche Rolle die Medien dabei spielten, beleuchten Tsveta Nenova und Dido Lipovanski in ihrem Vortrag.
Tsveta Nenova ist Journalistin, Chefredakteurin des Nachrichtenressorts von Arena Media und Vorsitzende der NGO „Europäische Räume 21“, die Kunstveranstaltungen kuratiert, sich für die Bewahrung und Förderung des Kulturerbes engagiert und das jährliche Medienfestival „The Bulgarian Europe“ organisierte.
Dimitar Lipovanski ist Leiter von Arena Media und Mitbegründer der NGO „Europäische Räume 21“. Als Regisseur hat er u.a. den Film „Nevidjanata Bulgaria“ („Das ungesehene Bulgarien“) gedreht.
Ausstellungseröffnung
18:00 Canetti Haus
26.09 – 05.10, Dienstag – Freitag, 16:00 – 19:00
Gangart: Atme! II
Der Dokumentarfilm „Atme!“, gedreht von unabhängigen Medienschaffenden, ist eines der wichtigsten kritischen Zeugnisse der Proteste von 1987. Das Projekt Atme! II wählt den Film als Ausgangspunkt, um Fragen über die Aneignung des öffentlichen Raums als eine Sphäre der Artikulation gemeinschaftlicher Interessen im heutigen Ruse aufzuwerfen. Es bezieht Akteure der historischen Bewegung, aber auch junge BewohnerInnen von Ruse ein, und mit ihnen einige im Film gezeigte Momente der Demonstrationen zu analysieren und an den Originalschauplätzen zu reinszenieren. Ausgestellt wird die daraus entstehende Fotoserie gemeinsam mit Texten, die das Projekt in den historischen und gegenwärtigen Kontext rücken.
Gangart nennt sich die Wiener Künstlergruppe um Simonetta Ferfoglia und Heinrich Pichler. Seit 1986 realisiert gangart künstlerische Interventionen, die mit der Aneignung von physischen und sozialen Räumen operieren und diese auf ihre ideologische Komponente untersuchen. Die Auseinandersetzung mit ökonomischen und politischen Realitäten als Faktoren künstlerischer Produktion sind dabei konstitutive Aspekte der Arbeit von gangart.
Kamen Stoyanov: Boxing Farm
Zwei Zeiten, zwei politische Systeme, zwei Formen des Engagements: Das Projekt von Kamen Stoyanov verbindet die 1980er Jahre mit der Gegenwart. Im Hintergrund des Ausstellungsraums erzählt Dobril Hristov in einem Video, wie er das zu Zeiten des Kommunismus verbotene Buch „Animal Farm“ nach Bulgarien schmuggelte. Im Vordergrund Teilnehmer einer Performance, die ihre Wut an selbst gestalteten Boxsäcken auslassen, während der Künstler, auf- und abgehend, aus George Orwells Klassiker vorliest.
Kamen Stoyanov ist ein international renommierter Künstler. Geboren und aufgewachsen ist er in Ruse. Nach seinem Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Sofia bzw. in Wien arbeitet er gegenwärtig als künstlerischer Mitarbeiter an der Universität für Angewandte Künste in Wien. In seinen oft spielerischen und ironischen Arbeiten reflektiert Kamen Stoyanov gesellschaftpolitische und wirtschaftliche Themen ebenso wie das Kunstsystem selbst.
NAGLEDNA: Das Jahr unserer Unzufriedenheit
„Das Jahr unserer Unzufriedenheit“ ist der Titel eines Projekts aus dem Jahr 2012, das von einer Gruppe von Designern und Künstlern aus Sofia nach den massiven Protesten gegen die Änderung des Forstrechts begonnen wurde. Im Mittelpunkt des Projekts steht eine Serie von 13 Plakaten. Jedes von ihnen stellt ein politisches Ereignis oder eine politische Entscheidung dar, die für öffentliche Entrüstung sorgte. Die dargestellten Probleme betreffen dabei nicht nur die bulgarische Politik, sondern sind von globaler Relevanz. Als gestalterisches Mittel wählte NAGLEDNA die Sprache der Piktogramme und verzichtete bewusst auf Text, um Raum für Diskussion und die Phantasie der Betrachter zu lassen. In den zusätzlich ausgestellten Videos sprechen 13 Aktivisten über die Probleme, die auf den Postern dargestellt sind.
NAGLEDNA, gegründet 2007 in Sofia, ist ein Zusammenschluss von Designern und Künstlern, die in den Medien Installation, Multimedia und Illustration arbeiten. Für ihre Projekte wurden Raycho Stanev, Evgeni Bogdanov, Radomir Dankov und Penka Dincheva mehrfach ausgezeichnet, etwa mit dem Sonderpreis der Vereinigung bulgarischer Künstler bei der ersten bulgarischen Designbiennale 2008. 2011 nahm NAGLEDNA an der 12. Istanbul Biennale teil.
Die Ausstellung wird von 26. September bis 5. Oktober (Dienstag bis Freitag) von 16:00 bis 19:00 Uhr geöffnet.
26.09
Vorträge und Diskussion
18:00 Canetti Haus
Lea Vajsova: Der Strukturwandel der Öffentlichkeit. Die Proteste in Bulgarien im Juni 2012 und 2013 im Vergleich
Im Juni 2012 löste die Änderung des bulgarischen Forstrechts, mit der erstmals die kommerzielle Bebauung unter Naturschutz stehender Gebiete möglich wurde, nicht nur unter Umweltschützern eine Welle der Empörung hervor. Der Vortrag untersucht die Proteste von damals und vergleicht sie mit den großen Anti-Regierungsdemonstrationen, die seit dem 14. Juni dieses Jahres anhalten.
Lea Vajsova promoviert an der Neuen Bulgarischen Universität Sofia an der Fakultät für Philosophie und Soziologie. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen Gesellschaftstheorie, Umweltsoziologie, zivilgesellschaftliche Mobilisierung und visuelle Forschungsmethoden.
Catalin Augustin Stoica: Platzt die Polenta?
Über Jahre hinweg hatte es den Anschein, die Polenta könne nicht platzen. Im Rumänischen wird als Polenta auch eine Haltung völliger Apathie gegenüber der politischen Situation bezeichnet. Doch seit Januar 2012 haben die Rumänen ihre Unzufriedenheit wiederholt auf der Straße bekundet, und die jüngsten Demonstrationen gegen ein heftig kritisiertes Goldminenprojekt in Siebenbürgen sind nur die letzten in einer Reihe von Protesten. In seinem Vortrag untersucht Catalin Stoica die Proteste dieses und des vergangenen Jahres und erörtert die größeren strukturellen und historischen Bedingungen, die Rumäniens zivilgesellschaftliche und politische Mobilisierung prägen.
Catalin Augustin Stoica promovierte an der Stanford University und ist assozierter Professor für Soziologie an der Hochschule für Politik- und Verwaltungswissenschaften Bukarest. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen gesellschaftliche Schichtung und Ungleichheit, soziale Bewegungen, Erhebungsmethodologie und politische Soziologie. Vor kurzem gab er einen Sammelband über die letztjährigen Proteste in Rumänien mit heraus („Der Winter unserer Unzufriedenheit: Die rumänischen Proteste im Januar/Februar 2012“).
Im Anschluss an die Vorträge findet eine Diskussion mit den Rednern statt. Die Moderation führt die Journalistin Tsveta Nenova.
28.09
The Protestor’s Manual – Projektvorstellung
17:30 Canetti Haus
Wie schützt man sich vor Übergriffen und staatlicher Gewalt? Was ist zu tun, wenn man verhaftet wird? Wie kann man öffentliche Räume für sich nutzen? Wie fördert man ziviles Engagement und Partizipation? Basierend auf den persönlichen Erfahrungen der Autoren, enthält das Handbuch für Demonstranten praktische und methodische Hinweise ebenso wie theoretische Reflexionen über die Aktualität von Protesten im öffentlichen Raum. Zugleich soll es provozieren und die aktive Bürgerbeteiligung sowie die Diskussion über die Bedeutung von Protesten für demokratische Prozesse anregen.
Ausgehend von Überlegungen im Rahmen des Flow Festivals 2012, ist das Handbuch für Demonstranten das Ergebnis einer Projektgruppe von Ani Marinova (Bulgarien), Dražen Crnomat (Bosnien und Herzegowina), Mihail Zhekunov (Bulgarien), Svetozar Krstić (Serbien) und Saša Kuzmanović (Bosnien und Herzegowina).
28.09
Atme! – Film von Yuri Zhirov
21:00 Ploshtad Svoboda
Der Film „Atme!“ (1988, 43 min.) dokumentiert eine Protestkundgebung gegen die gravierende Chlorgasbelastung im Herbst 1987. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten lehnt sich die Gesellschaft offen gegen die Parteifunktionäre auf, die jede Verantwortung für die Umweltkatastrophe abstreiten. Der Film reflektiert nicht nur die Ereignisse, sondern wurde selber zu einem Symbol der Veränderung und regte die Gründung vieler oppositioneller Gruppen an. Gezeigt wird er am Originalschauplatz auf dem Freiheitsplatz von Ruse.
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