
03.10.2026 ab 19.00 Uhr IM CANETTI-HAUS
EIN BUCHSTABE, DER NICHT AUSGESPROCHEN WIRD, ABER VIEL AUSDRÜCKT
Das zweite Treffen am ersten Tag des Festivals findet mit Jehona Kicaj statt. Kicaj wurde 1991 in Suharekë, Republik Kosovo, geboren und kam in den 90er Jahren mit ihren Eltern nach Deutschland. Sie ist Schriftstellerin, Verlagslektorin und Verlegerin. Ihr Debütroman „ë“ wurde 2025 mit Literaturpreisen ausgezeichnet und stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. In diesem Interview mit Detelina Kamenova gibt Jehona Kicaj einen Einblick in das, was das Publikum bei der Veranstaltung mit ihr erwarten kann.
DK Im Buch schreiben Sie: „Ich komme von einem Ort, der verwüstet worden ist. (…) Ich komme aus der Sprachlosigkeit“ Wie schreibt man einen Roman über die Unmöglichkeit zu sprechen und wie kann die Literatur dem eine Stimme geben, was bewusst verschwiegen wird?
EU Wenn ich als Schriftstellerin eine Sprache für das Unausgesprochene suche, hoffe ich, damit einen Beitrag zum kollektiven Erinnern leisten zu können. Mir geht es also um Zugänge: Das betrifft einerseits Leserinnen und Leser, die bisher vielleicht nicht allzu viel über den Kosovokrieg wissen und nun durch meinen Text eine bestimmte Perspektive auf diesen Krieg kennenlernen und erfahren können. Das betrifft aber auch solche, die konkrete Berührungspunkte mit diesem Krieg haben, weil sie fliehen mussten, weil sie Verluste in ihren Familien erlitten haben oder weil ihre Eltern diesen Krieg erlebt, bisher aber kaum darüber gesprochen haben. Erinnern bedeutet für mich also auf jeden Fall: das erfahrene Leid anerkennen und die Vergangenheit verstehen, um die Gegenwart besser gestalten zu können.
DK Der Text wechselt fließend zwischen Deutsch, Albanisch und Englisch. Wollten Sie die Lesenden bewusst die Spannung der Übersetzung sowie das ständige Gefühl des Nicht-Dazugehörens spüren lassen?
EU Mir war es unheimlich wichtig, albanische Passagen in dem Roman zu haben, diese aber anschließend immer ins Deutsche zu übersetzen. Damit wollte ich einerseits deutlich machen, dass in der Familie der Protagonistin eben nicht Deutsch untereinander gesprochen wird, andererseits aber auch dem Publikum einen Zugang zu diesen Gesprächen ermöglichen. Das Albanische funktioniert aber immer auch als ein Irritationsmoment – zumindest für die Leserinnen und Leser, die plötzlich mit einer ihnen unverständlichen Sprache konfrontiert sind. Ich hoffe natürlich, dass dadurch die Erfahrungen der Protagonistin für kurze Momente nachempfunden werden können. Besonders schön finde ich, dass ich nach Lesungen häufig auf die albanischen Passagen angesprochen werde, weil für viele nur im mündlichen Vortrag deutlich wird, wie die Worte eigentlich ausgesprochen werden.
DK Der Roman beginnt mit einem eindringlichen physischen Bild – die namenlose Protagonistin entdeckt Stücke eines abgebrochenen Zahns in ihrem Mund, die durch nächtliches Zähneknirschen entstanden. Warum haben Sie den Zahnarztstuhl als Rahmen gewählt, in dem sich nach und nach die Vergangenheit des Krieges entlarvt?
EU Das ist richtig, ich erzähle die Krankengeschichte einer jungen Frau, die morgens aufwacht und ein kleines Stück Zahn auf der Zunge hat. Ihr Zahnarzt weist sie anschließend daraufhin, dass ihr nächtliches Zähneknirschen so intensiv ist, dass sie Gefahr läuft, irgendwann nicht mehr ohne Schmerzen sprechen zu können. Sie stellt sich deshalb die Frage, was es zu erzählen gäbe und worüber sie sprechen müsste, bevor es einmal zu spät sein wird. Und dann kommt sie Stück für Stück ins Erzählen.
DK Die Protagonistin erlebt den Kosovo-Krieg Ende der 90er Jahre aus sicherer Entfernung in Deutschland. Wie fühlt es sich an, im Schatten eines Krieges aufzuwachsen, der „dort drüben“ geführt wird, aber gleichzeitig im Alltag deiner Familie daheim ständig präsent ist?
EU Mir hat genau diese Perspektive bisher in der deutschsprachigen Literatur gefehlt. Und für mich als Schriftstellerin stellt es eben eine besondere Herausforderung dar, eine Sprache für etwas zu finden, für das es bisher keine Sprache gibt. Meine Protagonistin ist mit ihrer Familie Anfang der 1990er-Jahre als Kleinkind nach Deutschland gekommen. Sie erlebt den Krieg 1998/1999 also nicht nur aus sicherer Entfernung, sondern als ein Kind, das noch nicht alles versteht, was passiert, aber eine Ahnung aus dieser Zeit mitnimmt. Daraus ergeben sich zahlreiche Leerstellen, die die nun längst erwachsene Protagonistin rückblickend versucht, auszuleuchten. Zusätzlich überlagern sich die Erinnerungen an die Zeit des Krieges aber auch mit den Erlebnissen, die durch die Migration nach Deutschland bestimmt sind: Ausgrenzung, Zuschreibungen, offener Rassismus und auch Unverständnis für den Krieg, der damals im Kosovo wütete.
Dadurch entsteht eine hochkomplexe Überlagerung der Geschehnisse, denn sie erlebt eben auch, wie in Deutschland auf den Krieg geblickt wird. Kurz gesagt: Mir ging es um eine bestimmte Form der Betroffenheit, die zwischen den Kriegserfahrungen vor Ort und der unbeteiligten Beobachtung im Ausland liegt. Die Komplexität all dessen brauchte eine literarische Form, die ich hoffentlich mit meinem Roman gefunden habe.
DK Sie selbst wurden 1991 im Kosovo geboren und sind in Göttingen aufgewachsen. Inwieweit überschneidet sich das Leben Ihrer namenlosen Protagonistin mit Ihrem eigenen Lebensweg durch Kindergarten, Schule und Universität in Deutschland?
EU Die Frage wird mir immer wieder gestellt, was ich aufgrund der Parallelen zwischen der Protagonistin und mir auch absolut nachvollziehen kann. Wichtig ist aber, dass „ë“ ein Roman ist – wenn auch ein autofiktionaler. Ich bediene mich also einerseits an dem, was ich selbst erlebt habe, anderseits nutze ich jedoch auch ganz bewusst die Freiheiten, die mit dem Schreiben eines fiktiven Textes einhergehen, sowohl auf inhaltlicher als auch auf formaler Ebene. Ich mache ein Beispiel: Leerstellen und unbeantwortete Fragen beschäftigen nicht nur die Protagonistin, sondern waren auch für mich der Ausgangspunkt diesen Roman zu schreiben und mich mit dem Thema längere Zeit und tiefergehend zu beschäftigen. Wenn es in dem Buch nun um die Recherchen und Nachforschungen der Protagonistin geht, decken sich diese zu einem gewissen Grad mit meiner eigenen Arbeit an dem Buch. Im Roman bekommt das alles aber einen anderen Kontext und eine eigene literarische Form.
DK Die Hauptfigur ist gebildet und kann ihre Gedanken klar ausdrücken, fühlt sich aber dennoch wie eine Outsiderin. Glauben Sie, dass die Vorurteile und die Unwissenheit Vieler durch das Teilen persönlicher Geschichten überwunden werden kann oder sind sie zu tief verwurzelt?
EU Ich glaube an die Macht der Literatur. Sie ermöglicht das Eintauchen in eine subjektive Perspektive, die eigene Verwandlung im Moment der Lektüre. Vor allem fordert sie aber etwas ganz Grundsätzliches: das Zuhören, ohne die Erzählerin unterbrechen zu können. Und wenn die Komplexität dieser Perspektive erst einmal erfahren wurde, dann geht es um das Weiterdenken, um das Hinterfragen der eigenen Position und natürlich auch des Gelesenen, letztendlich also um eine Fortsetzung des Diskurses. Literatur wird so zum Teil einer kollektiven Auseinandersetzung und im Falle meines Romans eben auch: zu einer spezifischen Form des kulturellen Gedächtnisses.
