Unter diesem Motto feiert das Internationale Literaturfestival von Ruse sein 19-jähriges Bestehen. Das Festival ist das Markenzeichen des Kulturzentrums der Internationalen Elias Canetti Gesellschaft und bietet traditionell die Möglichkeit, vielen verschiedenen Stimmen von KünstlerInnen unterschiedlicher Generationen Gehör zu verschaffen. Jeder mit seinem eigenen Thema und seinem eigenen Schmerz, jeder mit dem Reichtum seiner Muttersprache oder jener Sprache, in der das Schicksal ihn schreiben und sprechen lässt. Das Festival beginnt am 3. und endet am 11. Oktober. An diesen Tagen werden viele Veranstaltungen stattfinden, während denen unter anderem Buchvorstellungen für Bulgarien geplant sind. So werden wir das neue Buch von Teodora Dimova präsentieren, noch bevor es in den Druck geht. Am Eröffnungstag werden wir dem Publikum zwei junge Frauen aus Deutschland vorstellen, welche die junge Generation der erfolgreichen migrantischen Schriftstellerinnen repräsentieren. Dabei wird das Leben samt dem schweren Weg der eigenen Etablierung als Künstlerin mit östlichen Wurzeln in der westlichen Kultur einer der Schwerpunkte sein. Dieses Thema wird in den ersten beiden Tagen des Festivals inhaltlich im Mittelpunkt stehen.

  1. Oktober, Eröffnung

Jehona Kicaj ist eine deutsche Schriftstellerin, Verlagslektorin und Verlegerin mit kosovarischer Herkunft. Ihr hochgelobter Debütroman aus dem Jahr 2025 trägt den Titel „ë“, welcher genau den Buchstaben ins Zentrum stellt, der für das albanische Alphabet sehr charakteristisch ist. Für den Roman erhielt sie den renommierten HANNA-Literaturpreis der Stadt Hannover sowie den Debütpreis des Buddenbrookhauses. Das Buch feiert einen enormen Erfolg und schaffte es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises – die bedeutendste Auszeichnung im deutschsprachigen Raum.

Elli Unruh ist 1987 in Kasachstan in einer mennonitischen Familie geboren und zog noch im selben Jahr mit ihren Eltern nach Deutschland – weit weg von den Steppen, dem Gulag und dem kollektiven Trauma der Sowjetdeutschen. Wir stellen ihren Debütroman „Fische im Trüben“ vor, in dem Elli Unruh vom Leben einer russisch-deutschen Familie erzählt, die bis zum Ende der 1980er Jahre in der Sowjetunion im Süden Kasachstans lebte, um als Nachkommen von Mennoniten, die einst von Katharina der Großen ins russische Zarenreich gebracht worden waren, landwirtschaftliche Kolonien zu gründen.

  1. Oktober

Rumiana Ebert ist eine herausragende Persönlichkeit der gegenwärtigen Literatur, deren Leben die Naturwissenschaften, die Musik sowie das feinsinnige poetische und erzählerische Wort vereint. Ihr autobiografischer Roman „Schwimmen in der Tinte“ erschien im Jahr 2026. Das Werk ist eine bewegende Erzählung über das Schicksal von emigrierenden Personen, über die Flucht vor dem totalitären Regime auf der Suche nach Freiheit sowie dem schweren Weg zur Selbstfindung in einer neuen Umgebung. Ebert wurde 1945 in Plovdiv geboren. 1966 emigrierte sie nach Deutschland, wo sie sich niederließ und den größten Teil ihres bewussten und kreativen Lebens verbrachte. Heute lebt sie in Berlin.

  1. Oktober, Premiere

Zum ersten Mal erscheint „Die Stimmen von Marrakesch. Aufzeichnungen nach einer Reise“ von Elias Canetti auf Bulgarisch. Es handelt sich um 14 Beobachtungen, die er während seiner ersten Reise außerhalb von Europa in der marokkanischen Stadt in den 1950er Jahren gemacht hat. Besonders interessant ist, dass Canetti das Buch erst etwa 14 Jahre nach seiner dreiwöchigen Reise schrieb und sich dabei lediglich auf wenige Seiten Notizen stützt. Ein erstaunliches Gedächtnis, eingefangen und festgehalten von den Sinnen des Schriftstellers, der bewusst kein einziges Wort Arabisch lernen wollte, bevor er nach Marrakesch aufbrach. Das Buch ist im Elias Canetti Verlag erschienen und wurde von Penka Angelova und Iva Bekyarova aus dem Deutschen übersetzt.

  1. Oktober, Premiere

Teodora Dimova – „Alles, was geschieht“ ist der neue Roman der Autorin, dessen Veröffentlichung gerade im Gange ist. Die Idee dazu begründet sie wie folgt: „Über einen langen Zeitraum hinweg wurde uns eine völlig falsche Version der Geschichte über die Rettung der bulgarischen Juden aufgezwungen. Wir erfuhren die Wahrheit erst lange nachdem Dimitar Peshev und die anderen Beteiligten an diesen Ereignissen nicht mehr unter den Lebenden waren. Mir wurde immer stärker bewusst, dass wir ihrem Andenken verpflichtet sind, denn das, was sie geleistet haben, ist in unserer Geschichte beispiellos. So wurde Dimitar Peshev zum Vorbild für meinen Roman.“

Auf dem Programm des Festivals stehen außerdem ein Gespräch mit Bisera Zankova und Ivo Indzhov über den Literaturjournalismus sowie eine Diskussion über die Situation der gegenwärtigen bulgarischen in Ruse und Plovdiv erscheinenden Literaturzeitschriften und über deren Verbreitung. Auch der Dokumentarfilm „Bis morgen. Vier Porträts und eine Erinnerung“ von Stanimir Trifonov, der zwar bereits 1988 gedreht wurde, jedoch Aussagen enthält, die heute noch Gültigkeit haben, wird gezeigt. Aus historischer und videografischer Sicht wird der Film heute als Teil der Welle des „ungehorsamen“ Dokumentarfilms der späten 1980er Jahre betrachtet, welcher begann, die Risse im totalitären System anhand persönlicher menschlicher Geschichten offen aufzudecken.

Das vollständige Programm mit Tagen, Uhrzeiten sowie den Veranstaltungsorten finden Sie auf der Website der Internationalen Elias Canetti Gesellschaft.

https://eliascanetti.org/2026/09/21/19-internationales-literaturfestival-rusepolylog-die-stimme-der-vernunftaufklaerung-in-zeiten-der-verdunkelung/

Detelina Kamenova